Archiv für den Monat: September 2015

ZEIT: Eine Reise durch Raum und Zeit

„Wenn die Zeit nur das wäre, was die Uhren messen, dann wäre man mit der Antwort auf die Frage nach der Zeit schnell fertig“, schreibt Rüdiger Safaranksi in seinem gerade erschienenen Buch ZEIT und fährt fort: „Sie wäre eben nichts weiter als die messbare Dauer von Ereignissen. Doch es drängt sich der Eindruck auf, dass damit ihre eigentliche Bedeutsamkeit noch gar nicht berührt ist.“ Und so nähert sich der am 1. Januar 1945 geborene Philosph und preisgekrönte Autor, wie er selbst sagt, „der Zeit auf der Spur ihrer Wirkung, ich beschreibe also, was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.“

Dass das einen anspruchsvollen Ausflug in die Conditio humana verspricht, versteht sich von selbst und wird bereits deutlich, wenn es heißt: „Die Zeit bewirkt, dass wir einen schmalen Streifen von Gegenwärtigkeit bewohnen, nach beiden Seiten umgeben von einem Nicht-Sein: das Nicht-Mehr der Vergangenheit und das Noch-Nicht der Zukunft.“ Über zehn Kapitel geht die Reise durch Raum und Zeit, bei der man zwischen der Zeit der Langeweile und der erfüllten Zeit und Ewigkeit der Zeit des Anfangens, der Zeit der Sorge, der vergesellschafteten Zeit, der bewirtschafteten Zeit, Lebenszeit und Weltzeit, Weltraumzeit, Eigenzeit sowie dem Spiel mit der Zeit begegnet. Dabei ist der Fokus ebenso auf das große Ganze gerichtet wie auf das kleine Ich.

Da beschäftigt Safranski sich mit der Anfangssingularität und lässt den Leser teilhaben, wenn man so will, am Wandel der Zeit: „Für die Antike waren Kosmos und die Zeit anfanglos. Im christlichen Weltbild ist der Kosmos eine Schöpfung und hat als solche einen Anfang, eben den Schöpfungsakt, mit dem auch die Zeit beginnt. Newton behielt den Schöpfer im Hintergrund, aber für seine Naturgesetze benötigte er den absoluten, als den unendlichen Raum und die absolute, also die unendliche Zeit. Die moderne Kosmologie hat sich wieder von der Absolutheit von Raum und Zeit verabschiedet. Raum- und Zeitgrößen werden, seit Albert Einstein, nicht nur in Relation zueinander begriffen, als Raumzeit, sondern die Zeit bekommt wieder einen Anfang – und ein Ende.“

KosmosDer Kosmos (gemalt von Elly Untermann in 2005): Unendlich oder mit Anfang und Ende?

Während sich also offensichtlich keine endgültige Sicherheit in der Frage nach Ewigkeit oder Alpha und Omega herstellen lässt, weiß der Leser ja bereits um seine eigene Sterblichkeit. Doch auch hier ist nicht alles so klar, wie man vielleicht glauben möchte: „Es gibt da einen eigenartigen Widerspruch im Bewusstsein. Einerseits weiß ich um die eigene Sterblichkeit, und andererseits ist es mir unmöglich, von innen her das eigene Ende denken zu können. Von außen ist das kein Problem. Ich kann mir eine Welt ohne mich sehr gut vorstellen. Ich kann mir auch meinen Tod vorstellen, meine Leiche, Beerdigung, die Hinterbliebenen, eine ganze Welt ohne mich – und doch muss ich selbst übrigbleiben, um mir das alles vorstellen zu können.“

Zielsicher steuert Safranski auf die Frage zu, die sich der eine oder andere vielleicht schon einmal gestellt hat: „Vor meiner Geburt war ich doch auch nicht dabei, warum beunruhigt mich die künftige Abwesenheit so viel mehr?“ An dem „Abgrund des Nichtseins“, in den der Leser am Ende des Buches schauen muss, lässt der Autor ihn jedoch nicht allein, sondern nimmt ihn geistig sozusagen tröstend in den Arm: „Die schwer erträgliche Spannung zwischen einem subjektiven Bewusstsein, dem mit dem eigenen Verschwinden alles ins Nichts entgleitet, und einem objektiven Bewusstsein, für das die Welt und die Zeit einfach weitergehen, ist wohl kaum zu schlichten, sondern letztlich nur auszuhalten bis zum offenen Ende.“

Wer gerne in die Unendlichkeit derartiger Gedanken eintaucht, ist bei diesem Buch genau richtig. Die Zeit jedenfalls, die man beim Lesen investiert, ist gut angelegt. Nur eben schade, dass genau diese ZEIT ein Ende hat.

Safranski_23653_MR1.indd Rüdiger Safranski: ZEIT

Hanser Verlag, 28. August 2015, 272 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-446-23653-0

Mahnung, Zeit sinnvoll zu nutzen

Als Zeitmesser hat die Sanduhr in unseren Tagen keine große Bedeutung mehr. Aber kaum eine andere Uhr wurde und wird in Kunst und Literatur so oft bemüht, den Begriff Zeit sinnfällig zu erläutern und ihre Vergänglichkeit zu symbolisieren. Selbst in der Computerwelt hatte die Sanduhr Jahrzehnte einen festen Platz auf dem Bildschirm. Dann nämlich, wenn dem Nutzer signalisiert werden sollte, dass der Arbeitsvorgang noch nicht beendet sei und man noch ein wenig zu warten habe, tauchte sie auf.

Die früheste Darstellung einer Sanduhr findet sich auf einem Fresco aus dem Jahre 1338, das mit Titel „Allegorie der guten Regierung“ im Palazzo Pubblico im toskanischen Siena hängt und von dem italinieschen Maler Ambrogio Lorenzetti geschaffen wurde. Die erste namentliche Erwähnung datiert aus dem Jahre 1379 und findet sich in einem Inventarverzeichnis Karls V. von Frankreich. Dort ist jedenfalls beschrieben, dass er drei Uhren und eine Sanduhr sein Eigen nannte.

Allegorie der guten RegierungFrüheste Darstellung einer Sanduhr in der “Allegorie der guten Regierung” (rechte Bildhälfte)

Schon der griechische Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes soll bereits 200 v. Chr. eine Sanduhr besessen haben. Belegt ist das aber ebenso wenig wie, dass die Sanduhr im 9. Jahrhundert von einem Mönch namens Luitiprand aus Chatres erfunden sein soll. Die erste verifizierbaren Hinweise stammen aus dem 14. Jahrhundert, so dass die Erfindung auch in diese Zeit gefallen sein dürfte.

Die Herstellung einer Sanduhr war nicht sonderlich kompliziert, da es keiner mathematischen Kenntnisse und schwieriger Berechnungen bedurfte. So bestanden die ersten Sanduhren aus zwei einzelnen Glaskolben, die über eine Lochblende miteinander verbunden waren. Der Sand floss durch die Blende, die aus Metall, Glas, Glimmer oder Holz bestand, von einem Kolben in den anderen. Allerdings nutzten sich die Lochblenden durch den Abrieb ab, was dazu führte, dass der Sand schneller durchlief und sich somit die Laufzeit der Uhr verringerte. Dieses Problem löste sich Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts, als Sanduhren aus einem Stück hergestellt werden konnten und an die Stelle der Lochblenden widerstandsfähigere Verbindungen traten.

Obwohl die Sanduhr Sanduhr heißt, ist gewöhnlicher Sand nicht geeignet, da er in aller Regel empfindlich auf Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsschwankungen reagiert und verklebt. Während anfangs Marmorstaub sowie Zinn- bzw. Bleisand Verwendung fand, sind heute feine Glasperlen gebräuchlich. Auch feingemahlene Eierschalen wurden zuweilen eingesetzt, wodurch der Name Eieruhr entstand.

Sanduhr  Mahnt den Menschen, seine Zeit sinnvoll zu nutzen.

Eingesetzt wurde die Sanduhr bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten und in den verschiedensten Bereichen. Sie diente als Zeitmesser bei Turnieren oder Anstandsbesuchen, bei Vermietungen oder Predigten, in Wirtschaft und Politik, in Küche und Medizin. Die aber wohl größte Bedeutung als Zeitmesser erlangte die Sanduhr in der Seefahrt, in der so prominente Seefahrer wie der Italiener Christoph Kolumbus oder sein portugiesischer Kollge Joáo de Castro die Uhr einsetzten.

In unserer Zeit findet man die Sanduhr häufig noch als dekorativen Gegenstand, der allerdings den Menschen stetig  daran erinnert, dass die Zeit vergänglich und das Leben nur kurz ist, und ihn mahnt, seine Zeit sinnvoll zu nutzen.

Vergangenheit und Zukunft

Es ist kein Geschichtsbuch im klassischen Sinne, sondern die dritte Stufe des Projektes „Germany: Memories of a Nation – Deutschland: Erinnerungen einer Nation“, der eine gleichnamige Ausstellung und BBC-Radio-Serie vorausgegangen sind. In dem gerade erschienenen Buch mit eben diesem deutschen Titel erklärt Neil MacGregor, bis Ende September dieses Jahres Direktor des Britischen Museums in London und ab Oktober Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums in Berlin, welche Rolle Geschichte in Deutschland spielt: „Sie liefert nicht nur ein Bild der Vergangenheit, sondern führt das Vergangene entschieden und mahnend nach vorne, in die Zukunft.“ Als ein Beispiel führt er das Holocaust-Denkmal für die in Europa ermordeten Juden an und stellt dazu fest, dass „deutsche Denk- und Mahnmale denen anderer Länder nicht gleichen. Jedenfalls kenne ich kein anderes Land, dass in der Mitte seiner Hauptstadt ein Mahnmal der eigenen Schande errichtet hätte.“

Aber für MacGregor besteht deutsche Geschichte nicht nur aus den dunkeln Jahren von 1933 bis 1945, sondern geht weit darüber hinaus. „Über ihre längsten Zeitabschnitte hinweg kann deutsche Geschichte keine einheitliche nationale Erzählung sein“, schreibt er und fährt an anderer Stelle fort: „Gleichwohl gibt es eine große Zahl von kollektiven Erinnerungen daran, was Deutsche getan und erlebt haben: Einige dieser Erinnerungen aufzurufen und sich mit ihnen zu beschäftigen ist die Absicht dieses Buches. Es versucht nicht – könnte dies auch gar nicht -, in irgendeinem Sinn deutsche Geschichte zu schreiben, sondern will einigen prägenden Zügen von Deutschlands heutiger nationaler Identität nachgehen, und dies anhand von Objekten und Bauwerken, von Menschen und Orten. Das älteste Objekt ist die Gutenberg-Bibel aus den 1450er Jahren, dem vielleicht frühesten Zeitpunkt, an dem Deutschland den Lauf der Weltgeschichte nachhaltig mitbestimmt, ja eine der Grundlagen der gegenwärtigen Kultur Europas gelegt hat. Das jüngste Objekt ist das vor nicht allzu langer Zeit restaurierte Reichtagsgebäude, Sitz des Deutschen Bundestages.“

Darüber hinaus sind es Porzellan aus Dresden, deutsches Bier und deutsche Wurst, Goethe, Schneewittchen und Mutter Courage, die Krone Karls des Großen, ein Tauchanzug made in Ostdeutschland oder das Tor von Buchenwald, woraus MacGregor ein konsistentes Deutschland-Bild zusammenfügt. „Vergeblich haben deutsche Historiker versucht“, so formuliert er es, „die unterschiedlichen Puzzleteile zusammenzusetzen, aber keinem ist es wirklich gelungen, die großen intellektuellen und kulturellen Leistungen des 18. und 19. Jahrhunderts überzeugend mit dem moralischen Absturz der NS-Zeit zusammenzuführen; es gibt kein nachvollziehbares Muster.“

Dem schottischen Kunsthistoriker ist es jedoch gelungen. Was soll ich sagen? In diesem Sinne ist das Buch ein absolutes Muss für jeden, der dieses Land und seine Geschichte verstehen will.

Deutschland_cover  Neil MacGregor: Deutschland, Erinnerungen einer Nation

C.H.Beck, München, 1. Auflage 11. September 2015, 640 Seiten mit ca. 330 farbigen Abbildungen und Karten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-406-67920-9