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Die “Stimmen der Zeit”

15 Jesuitenzeitschriften gibt es europaweit. Eine davon sind die „Stimmen der Zeit“, die 1871 unter dem Namen „Stimmen aus Maria Laach“ gegründet wurden.

Diese älteste Kulturzeitschrift Deutschlands blickt denn auch auf eine bewegte Geschichte zurück. Schon kurz nach ihrer Gründung traf die Zeitschrift die Verbannung des Ordens aus Deutschland durch Bismarcks Jesuitengesetz von 1872, so dass die Redaktion Zuflucht in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden suchte. Erst 1914 endete das Exil, von wo aus sich die Redaktion in München ansiedelte. Und aus den „Stimmen aus Maria Laach“ wurden die “Stimmen der Zeit“.

Zur Begründung für die Umbenennung hieß es in der ersten Ausgabe der Zeitschrift von 1914 u.a.: „Der Zeit wollte sie dienen, ohne ihr zu gehrochen, aus ihrer Zeit für die Zeit, zeitgemäß und zeitlos zugleich. Die ‚Stimmen aus Maria Laach‘ waren und sind Stimmen der Zeit, und so sollen sie in Zukunft auch heißen.“

Doch schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erregte das Kulturblatt deren Missfallen, so dass schließlich 1941 das Redaktionsgebäude konfisziert und die Zeitschrift verboten wurde. Mitglied der Redaktion war damals Alfred Delp, Jesuit und Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Deswegen verurteilte ihn der Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler zum Tode durch den Strang. Das Urteil wurde noch kurz vor Kriegsende, am 2. Februar 1945, in Berlin-Plötzensee vollstreckt, seine Asche auf den Berliner Rieselfeldern verstreut. Kurz vor seinem Tod soll er zum Gefängnispfarrer gesagt haben: „In wenigen Augenblicken weiß ich mehr als Sie.“ Im Oktober 1946 durfte die Kulturzeitschrift wieder erscheinen und widmete ihren ersten Beitrag Delp, dessen Vater unser aus seinen Gefängnisschriften beleuchtet wurde.

Den Neuaufbruch der katholischen Theologie in den 50er Jahren begleiteten die „Stimmen der Zeit“ ebenso wie das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Öffnung der Kirche gegenüber der modernen Welt, indem sie sich nach eigenem Bekunden „für einen offenen Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft“ eingesetzt hat. Wichtige Leitlinien waren „dabei die Grundorientierungen des Jesuitenordens, wie sie von den letzten Generalkongregationen vorgegeben wurden: die Einsicht, dass Glaubensverkündigung in der heutigen Welt nicht ohne einen entschiedenen Einsatz für die Gerechtigkeit möglich ist, sowie die Herausforderungen des interreligiösen Dialogs und der Inkulturation der christlichen Botschaft.“

„Neben kirchlichen und theologischen Themen suchen die ‚Stimmen der Zeit‘“, heißt es auf deren Webseite weiter, „die geistige Auseinandersetzung mit der Gesamtproblematik der Zeit in Gesellschaft, Politik, Naturwissenschaft, Literatur, Kino und Kunst. Dabei möchte die Zeitschrift helfen, in der Pluralität der Meinungen und weltanschaulichen Überzeugungen einen eigenen, differenzierten Standpunkt zu finden.“ Autoren sind insofern nicht nur Jesuiten, sondern auch die der verschiedensten Fachrichtungen.

Die Auflage beträgt heute 5.000 Exemplare. Leser dürften die „Stimmen der Zeit“ indes weit mehr haben, da sie in Instituten und Bibliotheken ausliegen. Würde man alle bislang erschienen 234 Bände dort zur Verfügung stellen wollen, müsste man rund 12 Meter Bücherregal reservieren. Nicht viele Medien haben eine so lange Geschichte.

Aprilscherz bald unter Strafe?

Der Aprilscherz, also der Brauch, seine Zeitgenossen am 1. April mit erfundenen oder verfälschten Geschichten hereinzulegen und „in den April zu schicken“, soll nach dem Willen der AfD (Alternative für Deutschland) bald als Ordnungswidrigkeit, in besonders schweren Fällen sogar als Straftat geahndet werden. Dies sieht ein Gesetzesentwurf vor, der nach einer für die Partei erfolgreichen Bundestagswahl sofort ins Parlament eingebracht werden soll und “Z wie Zeit” vorliegt.

Als Begründung führt die AfD den „beachtlichen volkswirtschaftlichen Schaden“ an, der im Zusammenhang mit Aprilscherzen angerichtet werde. „Schon alleine die Zeit, die dafür aufgewendet wird, sich die Scherze auszudenken, hält die Bürger von der Arbeit ab und vermindert die Prodktivität“, heißt es in den Erläuterungen. Darüber hinaus widerspreche der Aprilscherz auch dem Zeitgeist, da es zutiefst „undeutsch“ sei, seine Familienangehörigen, Freunde oder Arbeistkollegen derart in die Irre zu führen.

Im Falle einer Ordnungswidrigkeit sind Geldbußen in einer Höhe zwischen 9 und 999 Euro vorgesehen, im Falle einer Straftat sogar Haftstrafen von bis zu 99 Jahren.

Ein namhafter AfD-Funktionär, der seinen Namen aber nicht lesen will, sagte: „Dieses Aprilunwesen ist zum Kotzen. Kein anständiger Deutscher darf sich auf dieses kulturlose Niveau herabbegeben. Das Deutschtum muss vor solchen Auswüchsen geschützt werden.“

Angesichts dieses brisanten Recherche-Fundes ist es sicher nachzuvollziehen, dass “Z wie Zeit” heute auf einen Aprilscherz verzichtet.

Hochzeit – Woher kommt dieses Wort?

Es gibt Zeiten, auf die kann man gut verzichten. Das sind vor allem die, in denen man krank ist, nicht viel Glück hat, es privat oder beruflich so gar nicht läuft. Und dann gibt es Zeiten, die gar nicht vorbei gehen sollten. Man ist glücklich und zufrieden, pumperlgesund und schwebt sozusagen auf Wolke sieben.

Im siebten Himmel wähnen sich vor allem Verliebte. Geht es dann ans Heiraten, dreht sich alles nur noch um die bevorstehende Hochzeit. Das Wort soll, wenn der Mann seiner Angebeteten erst einmal einen Heiratsantrag gemacht hat, bis zur Eheschließung das am häufigsten gebrauchte Wort der beiden sein.

Wie dem auch sei, es bleibt die Frage: Woher kommt das Wort Hochzeit? So ganz eindeutig zu klären ist das offensichtlich nicht. Im Mittelalter gab es die hôchzît, womit eine festliche, eine hohe Zeit gemeint war – insbesondere Ostern, Pfingsten, Allerheiligen und Weihnachten. Aber nicht nur christliche Feste galten als hohe Zeit, sondern vereinzelt auch weltliche. Das dazu die Eheschließung zählte, versteht sich von selbst.

Heute steht die Hochzeit nur noch für eben diese Eheschließung. Und sie soll, so wünschen es sich wohl die meisten, der schönste Tag in ihrem Leben werden. Da die Geschmäcker jedoch verschieden sind, ist es gar nicht so einfach, eine Märchenhochzeit zu organisieren. Mittlerweile gibt es dafür sogar sogenannte Wedding-Planner, die die Traumhochzeit wahrmachen sollen.

Als jemand, der gerade seinen 40. Hochzeitstag gefeiert hat, kann ich nur raten: Noch wichtiger als die perfekte Hochzeit ist die Zeit danach. Denn was nützt die schönste Eheschließung, wenn hiernach die Ehe nicht funktioniert.

Es lebe die Langeweile!

Dass Zeit ein relativer Begriff ist, wurde an dieser Stelle schon thematisiert. Ein Jeder weiß: Manchmal vergeht sie wie im Fluge, manchmal steht sie still. Beim letzteren Fall kann es passieren, dass man nichts mit sich anzufangen weiß. Und dann ist sie da: Die Langeweile.

Zu nichts hat man Lust, nichts will einem einfallen, mit dem man die Zeit verkürzen könnte. Es ist zum Verrücktwerden. Die Zeit wird lang – Langeweile, im Gegensatz zur Kurzweil, der kurzen Zeit.

Vor allem Kinder haben mit diesem Phänomen zu kämpfen. Besonders hart trifft es dabei diejenigen, die von ihren Eltern permanent bespaßt werden und deren Eigenschaft, sich selber zu beschäftigen, verkümmert ist.

Wie wichtig Langeweile und der Faktor Zeit für die Kreativität sind, hat die Agentur Café Communications mit einem Versuch demonstriert, bei dem Kinder zehn Sekunden bzw. zehn Minuten Zeit hatten, das Zifferblatt einer Uhr zu vervollständigen.

Es ist schon erstaunlich, was für ein Unterschied zu Tage trat. Da taten sich ganze Kreativ-Welten auf, die zwischen den 10-Sekunden- und der 10-Minuten-Varianten lagen.

Wissenschaftler sind sich schon lange einig, dass der Umgang mit Langeweile mit zu den wichtigsten Dingen gehört, die Kinder lernen (müssen). Nur in dieser Phase haben sie die Möglichkeit, zu sich selbst zu finden und ein Gespür dafür zu bekommen, wer und was sie sind und vor allem was sie wollen.

Eltern, die hier zu schnell eingreifen, tun ihren Kindern keinen Gefallen, sondern behindern eher deren Entwicklung. Insofern sollten sie ihnen die Zeit lassen, die sie nötig haben, um durch diese Phase der Langeweile zu kommen. Die Frage, “Was machst du da?”, ist ebenso kontraproduktiv wie die Mahnung, “Mach’ doch mal was sinnvolles!”

Langeweile ist Freizeit. Und wenn Sie wirklich FREIzeit bzw. FREIE Zeit wird, dann sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Es lebe die Langeweile!

Gesegnete Mahlzeit

Es gibt manche Dinge im Leben, für die man sich Zeit nehmen sollte, viel Zeit sogar. Ganz sicher gehört dazu das Essen, vor allem dann, wenn man es auch genießen will.

Insofern kann es nicht verwundern, dass es einen eigenen Begriff dafür gibt: Mahlzeit. Die Gebrüder Grimm haben das Wort in ihrem Deutschen Wörterbuch noch von der Zeitangabe für ein Mahl hergeleitet. Mittlerweile werden in unseren Breitengraden mit den Mahlzeiten die Essen bezeichnet, die zu bestimmten Zeiten eingenomen werden wie Frühstück, Mittagessen oder Abendessen. Die nennt man auch Hauptmahlzeiten, im Gegensatz zu den Zwischenmahlzeiten, die so zwischendurch zu sich genommen werden und vom Umfang her kleiner sind.

Wenn mehrere Menschen eine Mahlzeit zu sich nehmen, dann geht das heute weit über die reine Nahrungsaufnahme hinaus. Musste der Autor als Kind beim Essen noch den Mund halten, ist neben dem kulinarischen Genuss die kommunikative Komponente mittlerweile von gleicher Bedeutung.

IMG_0639 Kopie  Die spanische Variante der Brotzeit.

Mahlzeit beschreibt aber nicht nur das Essen an sich, sondern stellt mittlerweile auch einen Gruß dar. Früher sagten die Menschen „Gesegnete Mahlzeit“, mittlerweile ist davon nur noch „Mahlzeit“ übrig geblieben.

Und es gibt sogar noch eine ironische Form, nämlich „Prost Mahlzeit“, das sogar in der Hochliteratur Einzug gehalten hat. In Friedrich Schillers Wallenstein sagt der Wachtmeister: „Prost Mahlzeit! da fällt das Ganze gleich“, und meint damit wohl „im Gegenteil, nichts da“.

Aber zurück zu den Mahlzeit, die in den verschiedenen Ländern durchaus zu unterschiedlichen Zeiten eingenommen werden – beispielsweise das Abendessen: In kaum einem anderen europäischen Land wird so pünktlich um 18 Uhr das „avondeten“ zu sich genommen wie in den Niederlanden und in keinen Ländern wird so spät zu Abend gegessen wie in den mediterranen Ländern.

Um noch einmal auf die Niederlande zurückzukommen: Dort gibt es das Wort „maaltijdsoep“, das soviel bedeutet wie „Eintopf“ in Deutschland. Dort – vor allem in Süddeutschland – gibt es übrigens auch die “Brotzeit”, die sowohl Zwischenmahlzeit als auch Hauptmahlzeit sein kann und in aller Regel aus Brot sowie Wurst und Käse besteht.

Aber wie auch immer: Zeit sollte man sich für seine Mahlzeiten auf jeden Fall nehmen.

Wie der Zahn der Zeit an einem nagt

“Die Zeit, die ist ein sonderbares Ding.
Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts.
Aber dann auf einmal,
da spürt man nichts als sie”,
singt die Marschallin in der von Hugo von Hofmannsthal getexteten Oper Der Rosenkavalier. Vermutlich spielt der Autor des Libretto auf die Vergänglichkeit an, auf die Vergänglichkeit des Lebens.

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass es für das Altwerden, das Älterwerden, eine ganze Reihe von Formulierungen gibt, die mal mehr, mal weniger charmant sind. Dem Lebensabend entgegengehen ist ja noch ganz nett, auch dahinaltern geht gerade noch, aber dass da ein Zahn an einem nagt, nämlich der Zahn der Zeit, ist schon eine merkwürdige Vorstellung.

Wie das Altern von statten geht, beschreibt ziemlich einmalig Hajo Schumacher in seinem Buch Restlaufzeit: „Ab 20 plagen vor allem Frauen die erste Krampfadern. Ab 25 setzt die geistige Alterung ein, was aber noch nicht auffällt, jedenfalls nicht so stark wie die ersten Falten. Ab 30 zeigen sich Anzeichen von Bluthochdruck und erste graue Haare, wenn sie nicht schon ausfallen. Ab 35 folgen Anzeichen von Gelenkverschleiß und erste rheumatische Beschwerden. Ab 40 droht verschärfte Vergesslichkeit, Altersflecken, Grüner Star, Alterszucker, Infarkte nehmen zu. Zugleich schrumpft der Körper, Potenzprobleme werden akut, die Lesebrille droht. Ab 50 steigt das Schlaganfallrisiko, Inkontinenz beschäftigt uns sowie zunehmende Schwerhörigkeit. Ab 60 kommt der Graue Star, Osteoporose und – da ist sie – die Mundtrockenheit, an der etwa vierzig Prozent der Senioren leiden. Mangelndes Durstempfinden führt zu Flüssigkeitsmangel, was wiederum Stoffwechselprobleme begünstigt. Genaueres erklärt später der Arzt. Und dann kommt die Demenz.“

Altwerden ist nichts für Feiglinge, wusste schon der verstorbene Joachim Fuchsberger. Obwohl?!? Wer keine Falten hat, hat auch nichts erlebt, hieß es mal in einer Werbung, die insofern irgendwie auch Mut machte und es insofern dahingestellt sein ließ, ob das Gesicht wirklich der Spiegel der Seele ist.

Aber am Ende nützt alles nichts. Die Uhr tickt, für den verstorbenen Berliner Lyriker Adolf Endler gar ein “Zeitzünder”, der da “im Gebälk tickt”. Was bleibt also? Die Hoffnung, die stirbt bekanntlich zuletzt.

Die juristische Sekunde ist ein Zeitpunkt

Auf so etwas können vermutlich nur Juristen kommen. Da denken die sich eine juristische Sekunde aus und behaupten dann: Die zeitliche Ausdehnung ist exakt null. Vielmehr handele es sich um einen gedachten Augenblick im Sinne eines fiktiven Zeitpunkts und nicht um eine Sekunde im Sinne einer Zeiteinheit.

Im römischen Recht hieß diese juritische Sekunde ünrigens noch logische Sekunde, mit der sich vor allem ein Rechtsgelehrter namens Gnaeus Arulenus Caelius Sabinus (um 69 n. Chr.) beschäftigt hat.

Man muss sich das so vorstellen: Es ist der 31. Dezember 2016. Der Tag würde normalerweise um 24:00 Uhr enden und der 1. Januar 2017 um 0:00 Uhr beginnen. Das Ende des einen Jahres ist also punktgenau gleichzeitig der Anfang des neuen Jahres. Diesen Zeitpunkt nennt man juritsische Sekunde. Er ist eine gedankliche Hilfskonstruktion, mit der der Zeitpunkt des Übergangs von Rechten von einem Rechtssubjekt zu einem anderen beschrieben wird.

24 Uhr Das ist sie, die juristische Sekunde.

Juristen könnten jetzt noch eine Menge dazu sagen bzw. schreiben. Doch darauf soll hier und jetzt zu Gunsten eines Juristenwitzes verzichtet werden:

Ein Arzt, ein Architekt und ein Anwalt streiten darüber, welcher ihrer Berufe der älteste ist.

Der Arzt ist felsenfest davon überzeugt, dass er den ältesten Beruf hat: “Gott schuf Eva, indem er eine Rippe von Adam nahm. Also war Gott selbst Chirurg – und die Ärzte haben den ältesten und damit ehrwürdigsten Beruf der Welt, wie es ihnen auch selbstverständlich zukommt.”

Der Architekt hält vehement dagegen: “Gott selbst schuf die Welt, davor war nur das CHAOS. Gott selbst war also der erste Architekt – lange bevor Eva aus der Rippe Adams erschaffen wurde! Architekt ist der älteste Beruf der Welt!”

Der Anwalt grinst nur, zieht genüsslich an seiner Zigarre und entgegnet: “Das alles ist ja richtig, meine Herren. Aber was glauben Sie wohl, wer das CHAOS erschaffen hat?”

Beim Zeitgefühl ziemlich unzuverlässig

Wer den Roman „Momo“ von Michael Ende kennt, weiß, dass man Zeit nicht sparen kann. Vielmehr führt der Versuch dazu, dass die Tage und Wochen „kürzer“ und die Zeitsparer um ihre Zeit betrogen werden.

Warum es ausgerechnet ein Kind ist, das den Menschen die Zeit zurückbringt, erschließt sich auf den ersten Blick nicht unbedingt. Wenn man genauer darüber nachdenkt, macht es jedoch durchaus Sinn. Denn kaum ein Wesen lebt so konzentriert im Hier und Jetzt wie ein Kind.

Und das hatten die Menschen in Endes Roman eben vergessen. Abgesehen von den „grauen Herren“ ist natürlich ein Grund für den Zeitverlust auch, dass Zeit ein relativer Begriff ist. Die Zeit vergeht wie im Fluge, kann aber auch still stehen.

„Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man jedoch eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität“, hat Albert Einstein einmal gesagt. Und der muss es ja wissen. Hat er doch die Relativitätstheorie entwickelt.

Die Frage, die sich stellt, ist relativ einfach: Haben Menschen ein Zeitgefühl? Und wenn ja, wie funktoniert es?

Untersuchungen haben ergeben, dass es im Gehirn keine speziellen Zellen oder Regionen gibt, die für eine Zeitmessung zuständig sind. Vielmehr scheint es so zu sein, dass unsere Zeiteinschätzung davon abhängig ist, wie intensiv die geistige Tätigkeit ist. Finden viele Denkprozesse statt, dauert die Zeit länger, finden wenige Denkprozesse statt, dauert die Zeit kürzer.

Ein gutes Beispiel hierfür ist, dass in aller Regel die unbekannte Hinfahrt zu einem Ort gefühlt länger dauert als die Rückfahrt, bei der die Gegebenheiten schon von der Hinfahrt bekannt sind.

Allerdings gibt es auch das Phänomen, dass man, wenn man völlig in einer Tätigkeit aufgeht, sich in der Zeit verliert. Es finden zwar viele Denkprozesse statt, aber man fühlt keine Zeit mehr.

Diese Unzuverlässigkeit des Menschen in Sachen Zeitgefühl dürfte denn auch die Motivation gewesen sein, sich mit dem Thema Zeitmessung zu beschäftigen. Die ersten Sonnenuhren gab es zirka 4000 v.Chr. und maßen die Zeit noch sehr grob und ungenau. Heute sind Zeitmessungen möglich, bei denen Hundertstel und Tausendstel nicht einmal die kleinsten Zeiteinheiten sind.

Die Prager Rathausuhr

Astronomische Uhren sind ein Wunderwerk von Wissenschaft und Technik. Mechanisch betrieben zeigen sie neben der Uhrzeit auch astronomische Sachverhalte an, wie die Lage von Sonne und Mond über dem Horizont und im Tierkreis, die Mondphasen und in seltenen Fällen auch die Stellungen der großen Planeten am Himmel.

Insbesondere zwischen dem 14. und 17. Jahrhundert wurden großartige astronomische Uhren hergestellt – und das überall in Europa. Ganz bemerkenswerte Exemplare sind Astrolabiumsuhren. Das Besondere an ihnen ist, das bei ihnen unter anderem die Sternenscheibe (Rete) eines Astrolabiums mit Hilfe des Uhrwerks gleichmäßig gedreht wird.

Eine der bekanntesten Uhren dieser Art weltweit ist die Prager Rathausuhr, auch Aposteluhr oder Altstädter Astronomische Uhr genannt, die sich an der Südmauer des Altstädter Rathauses befindet.

Gebaut wurde sie in mehreren Phasen. Das mechanische Uhrwerk mit dem astronomischen Ziffernblatt wurde 1410 von dem Uhrmacher Mikuláš z Kadaně nach den Plänen von Jan Šindel gebaut. Dann kam um 1490 unterhalb des astronomischen Zifferblattes ein Kalender hinzu, eine Arbeit der Uhrmacher Jan Růže und Jakub Čech.

Prager RathausuhrDie Prager Rathausuhr, ein Meisterwerk von Wissenschaft und Technik.

Im Jahr 1551 wurde Jan Táborský z Klokotské Hory vom Prager Stadtrat für die Wartung und Wiederherstellung des Werkes der Rathausuhr berufen. Er hat den Kalendarium-Antrieb und die halbe Stunde eingeführt. Außerdem installierte er zwei Sonnenuhren auf beiden Seiten des Zifferblattes.

Erst im 17. Jahrhundert wurde die Uhr beiderseits der Zifferblätter durch Figuren (Automaten) ergänzt. Die Existenz der Apostel ist erst seit 1860 historisch belegt. Die Figur des Hahnes kam schließlich 1882 hinzu. Im Laufe der Jahrhunderte blieb die Uhr viele Male stehen und musste repariert werden. Eine der umfangreichsten Reparaturen in der Geschichte der Uhr erfolgte 1866.

Während des Prager Aufstands, in den letzten drei Tagen des Zweiten Weltkrieges, schossen die letzten deutschen Panzer vom Prager Hügel Letná den neugotischen Ost- und Nordflügel des Rathauses in Brand, wobei die Uhr sowohl durch direkten Beschuss als auch durch das ausgebrochene Feuer schwer beschädigt wurde. Dennoch gelang es, das historische Werk zu restaurieren und die astronomische Uhr insgesamt in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederherzustellen.

Die Apostel, die heute zu sehen sind, wurden vom Bildhauer Vojtěch Sucharda erst 1948 gefertigt. Nur zwei der ursprünglichen Figuren haben im Prager Stadtmuseum überlebt.

Von der Zeitmaschine träumen

Wer sich mit dem Thema Zeitreisen beschäftigt, kommt an dem Thema Zeitmaschine nicht vorbei. Denn womit sonst sollte man sich durch die Zeit bewegen?

Immerhin, so viel wissen wir bereits, sind Zeitreisen theoretisch möglich. „Einsteins Relativitätstheorie scheint uns die Möglichkeit zu eröffnen, Wurmlöcher zu schaffen und zu nutzen – kleine Röhren, die verschiedene Regionen der Raumzeit miteinander verbinden. Wenn dies so wäre, könnten wir eines Tages in der Lage sein, Blitzreisen durch die Milchstraße oder durch die Zeit zu unternehmen“, schreibt Stephen Hawking in seinem Buch Die illustrierte kurze Geschichte der Zeit.

Allerdings sind wir davon noch weit entfernt, auch wenn Hawking sagt, dass wir hoffen könnten, „dass es uns eines Tages bei entsprechenden Fortschritten in Wissenschaft und Technik möglich sein wird, Zeitmaschinen zu bauen.“ Aber auch bei ihm schwingt eine gewisse Skepsis in seinen Worten mit: „Aber falls das stimmt“, fährt er fort, „warum ist dann noch niemand aus der Zukunft zurückgekommen, um uns zu sagen, wie es geht? Es könnte gute Gründe geben, warum es unklug wäre, uns in unserem heutigen primitiven Entwicklungsstadium das Geheimnis der Zeitreise anzuvertrauen. Doch falls sich die Natur des Menschen in der Zwischenzeit nicht grundlegend gewandelt hätte, ist es anderseits kaum vorstellbar, dass nicht irgendein Besucher aus der Zukunft sich verplappert hätte.“

Wie dem auch sei: Einstweilen müssen wir uns mit Romanen und Filmen begnügen, die uns Zeitreisen näher bringen. Erstmals spielte das Thema eine Rolle in einer Kurzgeschichte von Edward Page Mitchell, die unter dem Titel „The Clock that Went Backward“ in der Sun vom 18. September 1881 erschien. Der wohl erste Roman, in dem eine Zeitmaschine vorkommt, war El Anacronopete von Enrique Gaspar y Rimbau aus dem Jahr 1887. „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells ist wohl der Klassiker der Science-Fiction-Literatur und erschien 1895. Das Buch wurde mehrfach verfilmt und hat die Literatur nachhaltig beschäftigt.

Jedenfalls hat es viele Autoren inspieriert, direkt oder indirekt, ebenfalls wie Filmemacher, die sich des Themas Zeitreise angenommen haben. Die Trilogie Zurück in die Zukunft ist dabei sicher neben den Filmen der Terminator-Reihe richtungsweisend gewesen. Aber auch Star Trek und Stargate haben die Fantasie der Zuschauer beflügelt – aber eben nur die Fantasie.

So bleibt den Menschen heute nichts anderes übrig, als weiter von Zeitreisen und Zeitmaschinen zu träumen. Wie lange noch, wird die Zeit zeigen. Dabei ist jedoch eines sicher: Morgen ist heute schon gestern. So schnell geht das, fast wie bei einer Zeitreise.