Die “Stimmen der Zeit”

15 Jesuitenzeitschriften gibt es europaweit. Eine davon sind die „Stimmen der Zeit“, die 1871 unter dem Namen „Stimmen aus Maria Laach“ gegründet wurden.

Diese älteste Kulturzeitschrift Deutschlands blickt denn auch auf eine bewegte Geschichte zurück. Schon kurz nach ihrer Gründung traf die Zeitschrift die Verbannung des Ordens aus Deutschland durch Bismarcks Jesuitengesetz von 1872, so dass die Redaktion Zuflucht in Belgien, Luxemburg und den Niederlanden suchte. Erst 1914 endete das Exil, von wo aus sich die Redaktion in München ansiedelte. Und aus den „Stimmen aus Maria Laach“ wurden die “Stimmen der Zeit“.

Zur Begründung für die Umbenennung hieß es in der ersten Ausgabe der Zeitschrift von 1914 u.a.: „Der Zeit wollte sie dienen, ohne ihr zu gehrochen, aus ihrer Zeit für die Zeit, zeitgemäß und zeitlos zugleich. Die ‚Stimmen aus Maria Laach‘ waren und sind Stimmen der Zeit, und so sollen sie in Zukunft auch heißen.“

Doch schon bald nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erregte das Kulturblatt deren Missfallen, so dass schließlich 1941 das Redaktionsgebäude konfisziert und die Zeitschrift verboten wurde. Mitglied der Redaktion war damals Alfred Delp, Jesuit und Mitglied des Kreisauer Kreises im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Deswegen verurteilte ihn der Volksgerichtshof unter Vorsitz von Roland Freisler zum Tode durch den Strang. Das Urteil wurde noch kurz vor Kriegsende, am 2. Februar 1945, in Berlin-Plötzensee vollstreckt, seine Asche auf den Berliner Rieselfeldern verstreut. Kurz vor seinem Tod soll er zum Gefängnispfarrer gesagt haben: „In wenigen Augenblicken weiß ich mehr als Sie.“ Im Oktober 1946 durfte die Kulturzeitschrift wieder erscheinen und widmete ihren ersten Beitrag Delp, dessen Vater unser aus seinen Gefängnisschriften beleuchtet wurde.

Den Neuaufbruch der katholischen Theologie in den 50er Jahren begleiteten die „Stimmen der Zeit“ ebenso wie das Zweite Vatikanische Konzil mit seiner Öffnung der Kirche gegenüber der modernen Welt, indem sie sich nach eigenem Bekunden „für einen offenen Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft“ eingesetzt hat. Wichtige Leitlinien waren „dabei die Grundorientierungen des Jesuitenordens, wie sie von den letzten Generalkongregationen vorgegeben wurden: die Einsicht, dass Glaubensverkündigung in der heutigen Welt nicht ohne einen entschiedenen Einsatz für die Gerechtigkeit möglich ist, sowie die Herausforderungen des interreligiösen Dialogs und der Inkulturation der christlichen Botschaft.“

„Neben kirchlichen und theologischen Themen suchen die ‚Stimmen der Zeit‘“, heißt es auf deren Webseite weiter, „die geistige Auseinandersetzung mit der Gesamtproblematik der Zeit in Gesellschaft, Politik, Naturwissenschaft, Literatur, Kino und Kunst. Dabei möchte die Zeitschrift helfen, in der Pluralität der Meinungen und weltanschaulichen Überzeugungen einen eigenen, differenzierten Standpunkt zu finden.“ Autoren sind insofern nicht nur Jesuiten, sondern auch die der verschiedensten Fachrichtungen.

Die Auflage beträgt heute 5.000 Exemplare. Leser dürften die „Stimmen der Zeit“ indes weit mehr haben, da sie in Instituten und Bibliotheken ausliegen. Würde man alle bislang erschienen 234 Bände dort zur Verfügung stellen wollen, müsste man rund 12 Meter Bücherregal reservieren. Nicht viele Medien haben eine so lange Geschichte.

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