Drei Zeitwelten in China

Was sind Zeitwelten? In loser Folge wird es zu dieser Frage künftig hier auf diesem Blog Beiträge geben, die in die Tiefe gehen und alle Bereiche beleuchten. Einen gab es bereits, hier nun der zweite.

Erich Thies, mehrere Jahre Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur und von 1998 bis 2011 Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, hat eine Reise durch China für die Wochenzeitung DIE ZEIT dokumentiert. In der Ausgabe Nr. 23/2013 veröffentlichte er einen Auszug aus einem längeren Essay über „Drei Monate in China – Begegnungen mit Menschen in Universitäten des bevölkerungsreichsten Landes der Welt“ und befasste sich darin auch mit Zeitwelten.

So heißt es: „In China begegnen mir drei Zeitwelten. Die erste, festhaltende, wirkt monumental-eingefroren.“ Sie sei geprägt durch feste Regeln und Rituale, Embleme und Abzeichen, durch Denkmale und auch durch Denkverbote. Hier sammle sich die Geschichte von Jahrhunderten. An ihr festzuhalten sei genauso gewalttätig, wie revolutionär Neues in die Welt zu bringen. Statussymbole hätten hier ihren Platz, denn sie definierten die Abstände zu anderen. Und diese sollten um jeden Preis erhalten bleiben.

PekingIn Peking wie in anderen großen Städten: Menschen strömen von einem Ort zum anderen.

„Die zweite Welt nenne ich die lebenszeitliche. Sie umfasst die Zeit, die aus unserem Leben kommt“, schreibt Thies weiter. Man finde sie vor als etwas, was einen mit anderen Menschen verbinde. Man lebe diese Zeit, eingepasst in die Abläufe von Tag und Nacht, Jahreszeiten und Lebensalter. „Es ist unsere eigene Zeit, denn mit ihr beginnen und enden wir“, so der Autor wörtlich. Für den achtsamen Umgang mit Menschen und Dingen brauche man seine jeweils eigene Zeit, trotz aller technischen Beschleunigung und pragmatischen Interessen. Das wüssten die Menschen hier noch, und dementsprechend respektvoll und behutsam verhalte man sich einander und der gemeinsamen Geschichte gegenüber. In China könne man sie noch unmittelbar erleben – verbunden mit einer seltsamen Mischung aus Melancholie und der “Furie des Verschwindens” einer sich rasant verändernden Welt, der die Menschen eigentlich nicht folgen könnten. Was bleibe, sei die verblassende Erinnerung und der Schrecken darüber, dass Dinge dauerhaft verschwänden.

„Und da ist die dritte Zeitwelt, geprägt durch Rastlosigkeit und, wie die festhaltende, weit von uns selber entfernt“, beschreibt es Thies. Peking sei wie alle großen Städte dieser Welt voll hektischer Unruhe. Die Menschen eilten zu irgendeinem Punkt, der irgendwo in ihnen selbst oder außen liegen möge, und sie tun dies getrieben und rücksichtslos gegen sich und alle anderen.

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