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21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart

“Dieses Buch ist ein Abenteuer. Es versucht, die Gegenwart historisch zu erklären”, schreibt Andreas Rödder über sein neuestes Werk, das einen futuristischen Titel trägt: 21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart.

Dabei handelt es sich um einen Crashkurs durch die Grundprobleme unserer Zeit: Was ist nach 1990 aus der Freiheit des Westens geworden? Wie hat sich der dramatische Wandel der Lebenswelten, den Digitalisierung und Globalisierung mit sich gebracht haben, auf das Denken und die politische Kultur ausgewirkt? Lassen sich aus historischer Warte Tendenzen und Konfliktlinien der Gegenwart erkennen? Bedroht der Kapitalismus die Demokratie? Ist Deutschland zu groß für Europa? Welche Rolle spielt das Ende des Ost-West-Konflikts für die internationalen Krisen des 21. Jahrhunderts, und wie fällt die Bilanz der europäischen Integration aus? Was ist neu an der Gegenwart, und was sind wiederkehrende historische Muster?

“Wir wissen so viel wie nie zuvor – und verstehen die Welt dennoch nicht”, schreibt Rödder und fährt an anderer Stelle fort: “Die Unlesbarkeit der Gegenwart hat zwei unterschiedliche Lesarten hervorgebracht. Die historische Sichtweise neigt dazu, nichts Neues unter der Sonne zu erkennen, weil alles irgendwie schon einmal da war. Feuilletons und Gegenwartswissenschaften hingegen verstehen die Gegenwart gern als radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Nonchalance ist das Ergebnis im einen Falle, Alarmismus im anderen. Dieses Buch versucht, die Phänomene der Gegenwart in historischer Perspektive einzuordnen.”

Das das nicht einfach ist, ist dem Professor für Neueste Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz klar: “Geschlossene Ordnungsentwürfe und verfestigte Rahmen sind Instrumente zur Ausgrenzung des Abweichenden – hinter die postmoderne Erkenntnis führt kein Weg zurück. Sie verstellen die Einsicht, dass morgen als falsch gelten kann, was heute für richtig gehalten wird, sie verstellen die Offenheit dafür, dass alles anders kommen kann. Es ist wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche geschieht, sagte Aristoteles. Der historischen Erfahrung nach wird die Zukunft in doppeltem Sinne anders sein: anders als die Gegenwart und anders als gedacht.”

In diesem Sinne plädiert Rödder für “Offenheit statt Selbstgewissheit”: “Wir erwarten für die Zukunft des 21. Jahrhunderts weniger Veränderungen als sie das 20. Jahrhundert gebracht hat. Das gilt freilich auch für die positiven Möglichkeiten. In einem persischen Märchen machen die drei klugen Prinzen von Serendip auf einer Reise allerhand nützliche Entdeckungen, nach denen sie gar nicht gesucht haben. Nach ihnen ist das Lebensprinzip der Serendipität benannt: Nur wer offen dafür ist, dass alles auch ganz anders sein mag als gedacht, kann die Chancen des Unvorhergesehenen nutzen. So gelangte Kolumbus nach Amerika, so wurden der Teebeutel und das Penicillin erfunden, und wenn sich neue Ideen mit dem Sinn für die Realitäten verbinden, dann macht auch die Geschichte der Gegenwart keine Angst vor der Zukunft.”

Auch wenn man vielleicht nicht alle Positionen und Schlussfolgerungen Rödders uneingeschränkt teilt, so ist dem Satz aus dem Klappentext doch zuzustimmen: “Wer die Gegenwart besser verstehen will, der sollte diese ungewöhnliche Geschichte unserer Zeit gelesen haben.”

9783406682469_large  Andreas Rödder: 21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart C. H. Beck Verlag, München, 2015,  494 Seiten, 24,95 EUR, ISBN 9783406682469

Vergangenheit und Zukunft

Es ist kein Geschichtsbuch im klassischen Sinne, sondern die dritte Stufe des Projektes „Germany: Memories of a Nation – Deutschland: Erinnerungen einer Nation“, der eine gleichnamige Ausstellung und BBC-Radio-Serie vorausgegangen sind. In dem gerade erschienenen Buch mit eben diesem deutschen Titel erklärt Neil MacGregor, bis Ende September dieses Jahres Direktor des Britischen Museums in London und ab Oktober Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums in Berlin, welche Rolle Geschichte in Deutschland spielt: „Sie liefert nicht nur ein Bild der Vergangenheit, sondern führt das Vergangene entschieden und mahnend nach vorne, in die Zukunft.“ Als ein Beispiel führt er das Holocaust-Denkmal für die in Europa ermordeten Juden an und stellt dazu fest, dass „deutsche Denk- und Mahnmale denen anderer Länder nicht gleichen. Jedenfalls kenne ich kein anderes Land, dass in der Mitte seiner Hauptstadt ein Mahnmal der eigenen Schande errichtet hätte.“

Aber für MacGregor besteht deutsche Geschichte nicht nur aus den dunkeln Jahren von 1933 bis 1945, sondern geht weit darüber hinaus. „Über ihre längsten Zeitabschnitte hinweg kann deutsche Geschichte keine einheitliche nationale Erzählung sein“, schreibt er und fährt an anderer Stelle fort: „Gleichwohl gibt es eine große Zahl von kollektiven Erinnerungen daran, was Deutsche getan und erlebt haben: Einige dieser Erinnerungen aufzurufen und sich mit ihnen zu beschäftigen ist die Absicht dieses Buches. Es versucht nicht – könnte dies auch gar nicht -, in irgendeinem Sinn deutsche Geschichte zu schreiben, sondern will einigen prägenden Zügen von Deutschlands heutiger nationaler Identität nachgehen, und dies anhand von Objekten und Bauwerken, von Menschen und Orten. Das älteste Objekt ist die Gutenberg-Bibel aus den 1450er Jahren, dem vielleicht frühesten Zeitpunkt, an dem Deutschland den Lauf der Weltgeschichte nachhaltig mitbestimmt, ja eine der Grundlagen der gegenwärtigen Kultur Europas gelegt hat. Das jüngste Objekt ist das vor nicht allzu langer Zeit restaurierte Reichtagsgebäude, Sitz des Deutschen Bundestages.“

Darüber hinaus sind es Porzellan aus Dresden, deutsches Bier und deutsche Wurst, Goethe, Schneewittchen und Mutter Courage, die Krone Karls des Großen, ein Tauchanzug made in Ostdeutschland oder das Tor von Buchenwald, woraus MacGregor ein konsistentes Deutschland-Bild zusammenfügt. „Vergeblich haben deutsche Historiker versucht“, so formuliert er es, „die unterschiedlichen Puzzleteile zusammenzusetzen, aber keinem ist es wirklich gelungen, die großen intellektuellen und kulturellen Leistungen des 18. und 19. Jahrhunderts überzeugend mit dem moralischen Absturz der NS-Zeit zusammenzuführen; es gibt kein nachvollziehbares Muster.“

Dem schottischen Kunsthistoriker ist es jedoch gelungen. Was soll ich sagen? In diesem Sinne ist das Buch ein absolutes Muss für jeden, der dieses Land und seine Geschichte verstehen will.

Deutschland_cover  Neil MacGregor: Deutschland, Erinnerungen einer Nation

C.H.Beck, München, 1. Auflage 11. September 2015, 640 Seiten mit ca. 330 farbigen Abbildungen und Karten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-406-67920-9