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ZEIT: Eine Reise durch Raum und Zeit

„Wenn die Zeit nur das wäre, was die Uhren messen, dann wäre man mit der Antwort auf die Frage nach der Zeit schnell fertig“, schreibt Rüdiger Safaranksi in seinem gerade erschienenen Buch ZEIT und fährt fort: „Sie wäre eben nichts weiter als die messbare Dauer von Ereignissen. Doch es drängt sich der Eindruck auf, dass damit ihre eigentliche Bedeutsamkeit noch gar nicht berührt ist.“ Und so nähert sich der am 1. Januar 1945 geborene Philosph und preisgekrönte Autor, wie er selbst sagt, „der Zeit auf der Spur ihrer Wirkung, ich beschreibe also, was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen.“

Dass das einen anspruchsvollen Ausflug in die Conditio humana verspricht, versteht sich von selbst und wird bereits deutlich, wenn es heißt: „Die Zeit bewirkt, dass wir einen schmalen Streifen von Gegenwärtigkeit bewohnen, nach beiden Seiten umgeben von einem Nicht-Sein: das Nicht-Mehr der Vergangenheit und das Noch-Nicht der Zukunft.“ Über zehn Kapitel geht die Reise durch Raum und Zeit, bei der man zwischen der Zeit der Langeweile und der erfüllten Zeit und Ewigkeit der Zeit des Anfangens, der Zeit der Sorge, der vergesellschafteten Zeit, der bewirtschafteten Zeit, Lebenszeit und Weltzeit, Weltraumzeit, Eigenzeit sowie dem Spiel mit der Zeit begegnet. Dabei ist der Fokus ebenso auf das große Ganze gerichtet wie auf das kleine Ich.

Da beschäftigt Safranski sich mit der Anfangssingularität und lässt den Leser teilhaben, wenn man so will, am Wandel der Zeit: „Für die Antike waren Kosmos und die Zeit anfanglos. Im christlichen Weltbild ist der Kosmos eine Schöpfung und hat als solche einen Anfang, eben den Schöpfungsakt, mit dem auch die Zeit beginnt. Newton behielt den Schöpfer im Hintergrund, aber für seine Naturgesetze benötigte er den absoluten, als den unendlichen Raum und die absolute, also die unendliche Zeit. Die moderne Kosmologie hat sich wieder von der Absolutheit von Raum und Zeit verabschiedet. Raum- und Zeitgrößen werden, seit Albert Einstein, nicht nur in Relation zueinander begriffen, als Raumzeit, sondern die Zeit bekommt wieder einen Anfang – und ein Ende.“

KosmosDer Kosmos (gemalt von Elly Untermann in 2005): Unendlich oder mit Anfang und Ende?

Während sich also offensichtlich keine endgültige Sicherheit in der Frage nach Ewigkeit oder Alpha und Omega herstellen lässt, weiß der Leser ja bereits um seine eigene Sterblichkeit. Doch auch hier ist nicht alles so klar, wie man vielleicht glauben möchte: „Es gibt da einen eigenartigen Widerspruch im Bewusstsein. Einerseits weiß ich um die eigene Sterblichkeit, und andererseits ist es mir unmöglich, von innen her das eigene Ende denken zu können. Von außen ist das kein Problem. Ich kann mir eine Welt ohne mich sehr gut vorstellen. Ich kann mir auch meinen Tod vorstellen, meine Leiche, Beerdigung, die Hinterbliebenen, eine ganze Welt ohne mich – und doch muss ich selbst übrigbleiben, um mir das alles vorstellen zu können.“

Zielsicher steuert Safranski auf die Frage zu, die sich der eine oder andere vielleicht schon einmal gestellt hat: „Vor meiner Geburt war ich doch auch nicht dabei, warum beunruhigt mich die künftige Abwesenheit so viel mehr?“ An dem „Abgrund des Nichtseins“, in den der Leser am Ende des Buches schauen muss, lässt der Autor ihn jedoch nicht allein, sondern nimmt ihn geistig sozusagen tröstend in den Arm: „Die schwer erträgliche Spannung zwischen einem subjektiven Bewusstsein, dem mit dem eigenen Verschwinden alles ins Nichts entgleitet, und einem objektiven Bewusstsein, für das die Welt und die Zeit einfach weitergehen, ist wohl kaum zu schlichten, sondern letztlich nur auszuhalten bis zum offenen Ende.“

Wer gerne in die Unendlichkeit derartiger Gedanken eintaucht, ist bei diesem Buch genau richtig. Die Zeit jedenfalls, die man beim Lesen investiert, ist gut angelegt. Nur eben schade, dass genau diese ZEIT ein Ende hat.

Safranski_23653_MR1.indd Rüdiger Safranski: ZEIT

Hanser Verlag, 28. August 2015, 272 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-446-23653-0