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Mehr Zeitgestaltung und weniger Zeitverwaltung

Mit den Zeitwelten im Management kennt er sich aus: Bruno Staffelbach , Professor für Human Resource Management an der Universität Zürich. In einem Aufsatz von 2009 unter der Überschrift „Der Mensch als Ferrari“ behandelt er die Frage, wie in heutigen Organisationen Zeit kontrolliert wird. „Obwohl in der Ökonomik relativ wenig thematisiert, ist die ‚Zeit’ für den ökonomischen Erfolg in der heutigen Wirtschaft von entscheidender Bedeutung.“ Der Schnellere gewinne den Wettbewerb, nicht der Größere. Produktiver sei, wer weniger Zeit brauche, und rationalisieren heiße Zeit sparen: „Je mehr man gleichzeitig tun kann, desto besser!“ Wer die Kontrolle über die Zeit habe, habe das Sagen. Dabei sei das Problem „nicht neu: Mit ‚keine Zeit, keine Zeit’ rannte schon das Kaninchen durch Alices Wunderland, und in Momos Welt wollten Zeitdiebe das unbeschwerte Leben in Rauch und Profit auflösen. Seit jeher sind die Tage im Jahr gleich lang. Warum wird denn die Zeit immer knapper?“, fragt Betriebswirtschaftler und gibt als Zwischenfazit aus: „Unternehmen haben ihre Zeitwelten. In diesen Welten stehen verschiedene Entwicklungsrhythmen nebeneinander. Die längeren Rhythmen werden in Zeitabschnitte gespalten, wo das Zeitliche das Sachliche dominiert und wo im Zeitlichen das Befristete herrscht. Die Knappheit zwingt zur Beschleunigung und zur Reduktion von Zielniveaus. In diese (Zeit-)Welt tritt nun der Zeitmanager ‚Homo Sapiens’.“

Der Homo Sapiens handele, so Staffelbach, rational – im Rahmen der Grenzen, die ihm die Verarbeitungskapazität des Gehirns stelle. Für das Zeitmanagement habe er drei entscheidende Schwächen:

  • er sei vergesslich,
  • er unterschätze den Aufwand und
  • er diskontiere künftige Konsequenzen.

Kombiniere man die Zeitknappheit und die Dominanz des Befristeten in den Zeitwelten der Unternehmen mit der Vergesslichkeit und der Kurzfristorientierung der Menschen in diesen Unternehmen, so ergebe sich daraus ein homo oeconomicus mit dem Leistungswillen und mit der Leistungsfähigkeit eines Ferrari.

Kaum sei das Zeichen zum Start gegeben, so der Professor weiter, beschleunige er in Sekunden von null auf 180. Er sei für Geschwindigkeiten geschaffen, in welcher alles auf Gegenwart schrumpfe und jegliches jederzeit gleich dringlich sei oder werde: bremsen, schalten, Gas geben, Blick nach vorn und nach hinten, gesteuert durch Konkurrenz, Kontrolle, Zeitmessung. Das sei – wie Marlis Prinzing 2003 in der Neuen Zürcher Zeitung geschrieben habe – der Ferrari-Manager und zitiert: „Das Gaspedal ist durchgedrückt, übers Handy diktiert er einen Brief, simultan fliegen seine Gedanken zum nächsten Vertragsabschluss. Über Mittag strampelt er auf dem Hometrainer, wirft gleichzeitig einen Blick auf Fernsehnachrichten und Aktienkurse und kaut ein biodynamisches Käsesandwich. Im Theater checkt er Mails und die Stückzusammenfassung für den Pausen-Smalltalk, kurz vor Mitternacht versinkt der Held der Zeit im Taxipolster und im Terminplan für den nächsten Tag. … Jede gewonnene Minute wird reinvestiert im Dienste der Lebensbilanz: Karriere geschafft, Familie erledigt, Gesundheit überwunden, Chill-out im Exitus.“

Dabei gibt Staffelbach zu bedenken: „Unsere Tage sind gezählt. Diese Zeit ist gegeben – nicht aber die Zeiten in den Unternehmen. Diese Zeiten sind gemacht, sozial konstruiert, und sie werden individuell erlebt und erfahren.“ Für die meisten von uns sei die Zeit eine harte Realität. Sie sei Gebieterin über alles, was wir täten. Das sei auch die Wirklichkeit des High-Speed-Managers, welcher im Seminar zum Zeitmanagement Hilfe suche. Über ihm liege aber ein Regime, eine Zeitordnung, die ihm die Rhythmen vorgebe, die seine Zeitverhältnisse bestimme und die sage, was schnell, pünktlich und rechtzeitig sei. Die Einen bestimmten die Planungs-, Entscheidungs- und Sitzungsrhythmen, die Anderen schwängen mit.

Die Einen legten Zeitpunkte fest, zum Beispiel für einen Markteintritt oder für einen Firmenverkauf, für Andere seien dies Deadlines. Der Zeitplan der Einen werde zum Zeitdiktat der Anderen. Die Gegenwart in den Plänen der Obigen sei die Zukunft der Nachgeordneten. Die Einen hätten Zeit, die Anderen seien in der Zeit.

„Wehe“, warnt der Wissenschaftler, „ wenn ‚die da oben’ die meiste Zeit für die Planung beanspruchen, wo doch die Umsetzung zählt, und wehe, wer schneller sein will, indem man auf Reservezeit verzichtet!“ Kein Seminar zum Zeitmanagement könne günstige Augenblicke zurückbringen, Zeithorizonte umkehren und das Ticken verschiedener Uhren vereinheitlichen. Mit einem schlechten Zeitregime im Unternehmen verliere man mehr, als man mit dem besten Seminar zum Zeitmanagement wettmachen könne. Und, so schließt Staffelbach: „Konzentrieren wir uns also mehr auf die Zeitgestaltung und weniger auf die Zeitverwaltung!“

Drei Zeitwelten in China

Was sind Zeitwelten? In loser Folge wird es zu dieser Frage künftig hier auf diesem Blog Beiträge geben, die in die Tiefe gehen und alle Bereiche beleuchten. Einen gab es bereits, hier nun der zweite.

Erich Thies, mehrere Jahre Staatssekretär in der Berliner Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur und von 1998 bis 2011 Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, hat eine Reise durch China für die Wochenzeitung DIE ZEIT dokumentiert. In der Ausgabe Nr. 23/2013 veröffentlichte er einen Auszug aus einem längeren Essay über „Drei Monate in China – Begegnungen mit Menschen in Universitäten des bevölkerungsreichsten Landes der Welt“ und befasste sich darin auch mit Zeitwelten.

So heißt es: „In China begegnen mir drei Zeitwelten. Die erste, festhaltende, wirkt monumental-eingefroren.“ Sie sei geprägt durch feste Regeln und Rituale, Embleme und Abzeichen, durch Denkmale und auch durch Denkverbote. Hier sammle sich die Geschichte von Jahrhunderten. An ihr festzuhalten sei genauso gewalttätig, wie revolutionär Neues in die Welt zu bringen. Statussymbole hätten hier ihren Platz, denn sie definierten die Abstände zu anderen. Und diese sollten um jeden Preis erhalten bleiben.

PekingIn Peking wie in anderen großen Städten: Menschen strömen von einem Ort zum anderen.

„Die zweite Welt nenne ich die lebenszeitliche. Sie umfasst die Zeit, die aus unserem Leben kommt“, schreibt Thies weiter. Man finde sie vor als etwas, was einen mit anderen Menschen verbinde. Man lebe diese Zeit, eingepasst in die Abläufe von Tag und Nacht, Jahreszeiten und Lebensalter. „Es ist unsere eigene Zeit, denn mit ihr beginnen und enden wir“, so der Autor wörtlich. Für den achtsamen Umgang mit Menschen und Dingen brauche man seine jeweils eigene Zeit, trotz aller technischen Beschleunigung und pragmatischen Interessen. Das wüssten die Menschen hier noch, und dementsprechend respektvoll und behutsam verhalte man sich einander und der gemeinsamen Geschichte gegenüber. In China könne man sie noch unmittelbar erleben – verbunden mit einer seltsamen Mischung aus Melancholie und der “Furie des Verschwindens” einer sich rasant verändernden Welt, der die Menschen eigentlich nicht folgen könnten. Was bleibe, sei die verblassende Erinnerung und der Schrecken darüber, dass Dinge dauerhaft verschwänden.

„Und da ist die dritte Zeitwelt, geprägt durch Rastlosigkeit und, wie die festhaltende, weit von uns selber entfernt“, beschreibt es Thies. Peking sei wie alle großen Städte dieser Welt voll hektischer Unruhe. Die Menschen eilten zu irgendeinem Punkt, der irgendwo in ihnen selbst oder außen liegen möge, und sie tun dies getrieben und rücksichtslos gegen sich und alle anderen.

Zeitwelten – ziemlich spannend

Zeitwelten, dieses Wort kennt der Duden nicht. Auch in einem Brockhaus aus dem Jahre 1984 sucht man vergebens. Im Netz dagegen wird man fündig. Immerhin 5.380 Treffer gibt es bei Google. Gleich die erste Fundstelle verweist auf ein Buch, das auch noch so heißt: Zeitwelten von Reiner Wiehl aus dem Jahre 1998, das den Untertitel trägt: Philosophisches Denken an den Rändern von Natur und Geschichte. Aber nicht nur in der Philosophie taucht der Begriff auf, auch in der Physik kommt man ohne ihn nicht aus. Und das sind längst nicht alle Disziplinen, die diesen Begriff bemühen. Was aber sind Zeitwelten? In loser Folge soll es zu dieser Frage künftig hier auf diesem Blog Beiträge geben, die in die Tiefe gehen und alle Bereiche beleuchten. Heute jedoch soll ein ganz einfaches Beispiel reichen, das – der alltäglichen Realität entnommen – völlig banal und insofern ganz leicht nachvollziehbar ist. Also, wie wir alle wissen, gibt es zwei Sorten von Menschen: Den Zufrühkommer und den Zuspätkommer. Beide leben, wenn sie hier in Berlin ansässig sind, in derselben Zeit, aber ganz offensichtlich in völlig unterschiedlichen Zeitwelten. Ich selbst gehöre der ersten Kategorie an und empfinde Unpünktlichkeit als eine besonders schwere Form des Diebstahls. Denn die Zeit, die ich gewartet habe, ist unwiederbringlich weg. Zudem ist es auch eine ziemliche Respektlosigkeit, jemand warten zu lassen. Und komischer Weise haben diese Menschen der Kategorie zwei selbst noch nie einen Ferienflieger versäumt. Stellt sich abschließend die Frage, wie es dazu kommt, dass jemand pünktlich bzw. unpünktlich ist. Dazu stellt die Diplom-Psychologin Beatris Uhlig fest: „Es ist sehr prägend, in welchem Umfeld man geboren wird. Ob Kinder später pünktlich oder gar Zuspätkommer sind, sieht man erst im Schulalter. Wir bringen zwar eine Veranlagung mit, können aber im Laufe des Lebens zwischen den beiden Zeitwelten wechseln.“ Da ist er wieder, der Begriff Zeitwelten, die, wenn man sich intensiver mit ihnen auseinandersetzt, ziemlich spannend sind.