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Eine Blick in die Zukunft: Taste City

„Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen“, hat der gerade verstorbene Altkanzler Helmut Schmidt einmal etwas pampig gesagt. Das mag ja durchaus für den einen oder anderen Visionär gelten, aber ganz sicher nicht für den Gastronomiekritiker Jürgen Dollase. Der hat nämlich in seinem neuen Buch Kopf und Küche einen Blick in die kulinarische Zukunft geworfen und die Vision einer „Taste City“, einer fiktiven Stadt, entworfen, in der „das Interesse an gutem Essen eine Massenerscheinung und fast alle Menschen mehr oder weniger täglich auf der Suche nach guten Produkten oder nach guten Restaurants wären.“

Die Bedürfnisse der Einwohner beschreibt Dollase so: „Der fein schmeckende Bewohner von Taste City braucht nicht nur die konventionelle Steigerung kulinarischer Qualität, sondern wegen seines massenhaften Auftretens auch die unkonventionelle und die Tag für Tag praktikable, gesteigerte Qualität. Zuerst einmal wird man sich Taste City wie eine Mischung aus all den wunderbaren Dingen vorstellen, die man heute bereits in einigen kulinarisch besonders attraktiven Städten Europas (oder der Welt) antreffen kann. Taste City wird nicht nur insgesamt eine Markthalle haben, sondern in jedem Stadtteil eine, und es wird in jedem Stadtteil gleich mehrmals in der Woche – wenn nicht jeden Tag – Märkte geben. Die Ausweitung spezialisierter Geschäfte wird die Innenstädte deutlich beleben oder Stadtteile schaffen, in denen sich – wie in früheren Jahrhunderten – große Mengen solcher Geschäfte finden. Es wird zum Beispiel dazu kommen, dass sich die Weinhändler in einem Viertel finden, die Fischhändler oder die Metzger.“

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„Aber das wird nicht alles sein“, fährt der Gastronomiekritiker fort und meint: „Wenn wirklich eine massenhafte Nachfrage nach gutem Essen und adäquaten Produkten besteht, werden auch diejenigen reagieren, die uns heute zuverlässig mit schwachen oder bestenfalls mittelprächtigen Produkten versorgen, also die Discounter. Und der Discounter 10.0 in Taste City wird wirklich anders sein. Wie schon heute absehbar, versuchen die Discounter, sich auch an die Spitze kulinarischer Bewegungen zu setzen. Das bedeutet nicht, dass sie irgendetwas mit der Avantgarde oder der Spitzenküche zu tun haben, von deren Wirken ein normaler Konsument ja ohnehin nichts mitbekommt. Es bedeutet, dass sie sich an die Spitze dessen setzen wollen, was man als massentaugliche Trends definieren könnte. In Taste City also werden die Discounter zu regelrechten kulinarischen Zentren mutiert sein. Es wird nicht nur ein gigantisch ausgeweitetes Produktangebot geben, sondern auch Restaurants, in denen – auch mit dauernden Kochvorführungen – gezeigt wird, wie man mit den angebotenen Produkten umgehen kann. Vielleicht wird gerade die Meldung die Runde machen (und für viel Aufsehen sorgen), dass das erste Aldi-Restaurant einen Michelin-Stern bekommen hat, und zwar ‚für seine hervorragende Arbeit mit einfachen, aber guten Grundprodukten’ (so die Begründung des Guides).“

Und das wird nicht alles sein. „Es gibt in Taste City eine Reihe von bemerkenswerten Einrichtungen und Entwicklungen, die ich kurz vorstellen möchte“, schreibt Dollase. „Ein großer Erfolg ist das CCC geworden, das Culinary Community Center, das vor etlichen Jahren als eine Art städtisches Restaurant gegründet wurde. Diese Einrichtungen gibt es mittlerweile in vielen Städten – teilweise haben sie sogar die ehemaligen Stadttheater ersetzt.“

Und weiter: „In Taste City wird mittlerweile sogar mehrgleisig gefahren – was auch an der engen Zusammenarbeit mit der deutschen Hochschule für Kochkunst liegt, die ebenfalls in der Stadt gegründet wurde. Ursprünglich stellte die Stadtverwaltung die komplette Technik und die Räumlichkeiten ausschließlich für zeitlich befristete Auftritte von Spitzenköchen aus aller Welt zur Verfügung, die dann zu mehr oder weiniger begrenzten Gastspielen anreisten (in etwa dem Konzept vom „Hangar 7“ in Salzburg vergleichbar) und meist nur ein paar speziellere technische Geräte und ihre Küchenmannschaft mitzubringen hatten. Diese ‚große kulinarische Oper’ war von Beginn an ein durchschlagender Erfolg und konnte sich über ein ständig komplett ausgebuchtes Haus freuen.“

Zudem sieht der Gastronomiekritiker eine besonders enge Zusammenarbeit „zwischen dem CCC und der DHK, also der Deutschen Hochschule für Kochkunst“, weil auch diese Einrichtung eine ganze Reihe von sehr unterschiedlich ausgerichteten Restaurants betreibe, die ihren Absolventen die Möglichkeit gäben, ihre Kenntnisse parallel zum Studium in der Praxis zu realisieren.

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In Planung ist nach Dollase „auch ein Restaurant namens ‚KinderKochKunst’, in dem ausschließlich für junge Gäste unter 14 Jahren gekocht wird. Insgesamt hat sich die Deutsche Hochschule für Kochkunst zu einer der führenden Internationalen Institutionen entwickelt, insbesondere auch deshalb, weil es in Deutschland nach anfänglichen Schwierigkeiten möglich wurde, eine Erforschung und Weitergabe der Kochkunst zu etablieren, die in ihrer Strukturierung und Konsequenz vorbildlich und absolut kompromisslos ist.“

Die Kochkunst ist in Taste City, glaubt man dem Gastronomiekritiker „mittlerweile auch in den Schulen ein fester Bestandteil des Fächerkanons und steht im Range eines Hauptfachs. Dabei hat sich gezeigt, dass die Kenntnisse und Leistungen von Schülern die seit dem ersten Schuljahr ganz selbstverständlich auch etwas mit der Akkumulation von kulinarischem Wissen, Verständnis und praktischem Können zu tun haben, im Laufe ihres Schullebens ein sehr hohes Niveau erreichen, mit dem niemand gerechnet hätte.“

Wenn man sich ansehe, was in Taste City so alles passiere, stelle sich, so Dollase, eine Frage ganz schnell und unausweichlich: „Woher haben die Leute das Geld, um sich so umfangreich besseren kulinarischen Qualitäten zuzuwenden? Weil man nur 100 Prozent an Mitteln zur Verfügung hat, muss es also um eine Umverteilung der Ausgaben gehen und damit darum, irgendwo weniger Geld auszugeben. Wo findet das statt? Es ist natürlich einerseits ein schleichender Prozess, bei dem zum Beispiel die Ausgaben für Autos reduziert werden, weil ein größer werdender Teil der Menschen auf Autos ganz verzichtet, andere kleinere Autos fahren, andere weniger fahren und wieder andere ihr Autos länger nutzen. Es ist ein Weniger an leichtfertigen Konsumausgaben durch einen reflektierteren Konsum, eine Reduktion der Ausgabe für Suchtmittel wie Zigaretten, Alkohol oder Unmengen von Snacks und Süßem.

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Der entscheidende Punkt aber ist, was eigentlich zu dieser Veränderung geführt hat. Und da geht der Blick zurück auf Veränderungen von Genusswelten wie dem Verbot des Zigarettenkonsums in öffentlichen Räumen und damit auch in der Gastronomie. Vor vielen Jahren hätte man es für ein absolutes Unding gehalten, dass in spanischen Tapas-Bars oder deutschen Brauhäusern jemals nicht mehr geraucht wird. Es ist dennoch so gekommen und das noch nicht einmal mit großem Pomp und vielen Umständen. Es war einfach die Folge einer Art von Bewusstseinserweiterung, die ihre Zeit erreicht hatte und in Windeseile Realitäten produzierte.“

Es werde eine komplexe Entwicklung geben, sagt der Gastronomiekritiker voraus, „die aber einen wichtigen, gemeinsamen Hintergrund hat, nämlich die Erkenntnis, dass ein positiver sinnlicher Genuss auf der Basis einer Einheit zwischen Mensch, sozialem Leben, Tier- und Umweltschutz uns allen am besten nutzt. Es wird die Erkenntnis geben, dass ein neuer zivilisatorischer Prozess rund um alles, was im weitesten Sinne mit Ernährung zu tun hat, einen großen Schritt vorwärts für die Menschheit bedeuten kann. Das klingt gewaltig, Aber jeder weiß längst aus persönlichen Erfahrungen, dass es in vielen privaten oder auch gar nicht so privaten Bereichen genau so funktioniert. Taste City ist eine glückliche Stadt.“

Zurück in die Zukunft

Für manchen Film-Fan war der 21. Oktober dieses Jahres ein ganz besonderer Tag. Denn in dem Kino-Kassenschlager „Zurück in die Zukunft II“ ist der 21.10.2015 jener Tag, an dem die Hauptpersonen Marty McFly und Doc Brown in dem Film landen. Über die Unterschiede zwischen Film-2015 und der realen Gegenwart ist in den vergangenen Monaten viel geschrieben worden – „Hoverboards“ gibt es noch nicht, „Der Weiße Hai 19“ ist nie gedreht worden (auch wenn es immerhin einen – nicht ganz ernst gemeinten – Trailer gibt).

Doch die Mehrheit derer, die den Film gesehen haben, zieht ohnehin das echte 2015 jenem im Film vor. Das ist das Ergebnis einer aktuellen YouGov-Umfrage. Demnach hat die Hälfte der Befragten (50 Prozent) den Film mindestens einmal gesehen, etwas weniger als beim ersten (56 Prozent) und etwas mehr als beim dritten Teil (46 Prozent) der Reihe.

Von jenen, die den zweiten Teil kennen, sagen immerhin 58 Prozent der Befragten, dass sie, wenn sie es sich aussuchen könnten, lieber im realen 2015 leben würden. Jeder Dritte würde das fiktive 2015 bevorzugen. Allerdings: Nur drei von zehn Befragten (29 Prozent) glauben, dass Zeitreisen zumindest theoretisch möglich sind. Interessant: Jüngere Menschen glauben eher an die Möglichkeit als ältere. So halten 37 Prozent der 18- bis 24-Jährigen Zeitreisen prinzipiell für möglich, von den Über-55-Jährigen tut dies nur jeder Vierte (25 Prozent).

Zeitreisen möglich

Außerdem würden die Jüngeren – unabhängig, ob sie sie für möglich halten – auch deutlich lieber eine Zeitreise unternehmen als die Älteren: Insgesamt drei von vier Befragten zwischen 18 und 24 (73 Prozent) würden gerne in die Zukunft (29 Prozent) oder die Vergangenheit (44 Prozent) reisen, jeder Fünfte würde darauf verzichten. Bei den Über-55-Jährigen würden doppelt so viele (38 Prozent) keine Zeitreise machen, wenn sie könnten. 33 Prozent von ihnen reisten lieber in die Vergangenheit, 19 Prozent in die Zukunft.

Zeitreisen machen

Auch bei Betrachtung der Gesamtbevölkerung bleibt die Vergangenheit das beliebtere Ziel: 40 Prozent aller Befragten sagen, sie würden gerne eine Zeitreise machen, und zwar am liebsten in die Vergangenheit, 23 Prozent würden in die Zukunft reisen. Drei von zehn Befragten (29 Prozent) sagen, sie würden ganz auf eine Reise durch die Zeit verzichten.

Auf Basis des YouGov Omnibus wurden in Deutschland 1177 Personen im Zeitraum vom 16. bis 20. Oktober 2015 repräsentativ befragt.

PS: Nächsten Freitag erfahren Sie, was Stephen Hawking zu Zeitreisen zu sagen hat.

Vergangenheit und Zukunft

Es ist kein Geschichtsbuch im klassischen Sinne, sondern die dritte Stufe des Projektes „Germany: Memories of a Nation – Deutschland: Erinnerungen einer Nation“, der eine gleichnamige Ausstellung und BBC-Radio-Serie vorausgegangen sind. In dem gerade erschienenen Buch mit eben diesem deutschen Titel erklärt Neil MacGregor, bis Ende September dieses Jahres Direktor des Britischen Museums in London und ab Oktober Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums in Berlin, welche Rolle Geschichte in Deutschland spielt: „Sie liefert nicht nur ein Bild der Vergangenheit, sondern führt das Vergangene entschieden und mahnend nach vorne, in die Zukunft.“ Als ein Beispiel führt er das Holocaust-Denkmal für die in Europa ermordeten Juden an und stellt dazu fest, dass „deutsche Denk- und Mahnmale denen anderer Länder nicht gleichen. Jedenfalls kenne ich kein anderes Land, dass in der Mitte seiner Hauptstadt ein Mahnmal der eigenen Schande errichtet hätte.“

Aber für MacGregor besteht deutsche Geschichte nicht nur aus den dunkeln Jahren von 1933 bis 1945, sondern geht weit darüber hinaus. „Über ihre längsten Zeitabschnitte hinweg kann deutsche Geschichte keine einheitliche nationale Erzählung sein“, schreibt er und fährt an anderer Stelle fort: „Gleichwohl gibt es eine große Zahl von kollektiven Erinnerungen daran, was Deutsche getan und erlebt haben: Einige dieser Erinnerungen aufzurufen und sich mit ihnen zu beschäftigen ist die Absicht dieses Buches. Es versucht nicht – könnte dies auch gar nicht -, in irgendeinem Sinn deutsche Geschichte zu schreiben, sondern will einigen prägenden Zügen von Deutschlands heutiger nationaler Identität nachgehen, und dies anhand von Objekten und Bauwerken, von Menschen und Orten. Das älteste Objekt ist die Gutenberg-Bibel aus den 1450er Jahren, dem vielleicht frühesten Zeitpunkt, an dem Deutschland den Lauf der Weltgeschichte nachhaltig mitbestimmt, ja eine der Grundlagen der gegenwärtigen Kultur Europas gelegt hat. Das jüngste Objekt ist das vor nicht allzu langer Zeit restaurierte Reichtagsgebäude, Sitz des Deutschen Bundestages.“

Darüber hinaus sind es Porzellan aus Dresden, deutsches Bier und deutsche Wurst, Goethe, Schneewittchen und Mutter Courage, die Krone Karls des Großen, ein Tauchanzug made in Ostdeutschland oder das Tor von Buchenwald, woraus MacGregor ein konsistentes Deutschland-Bild zusammenfügt. „Vergeblich haben deutsche Historiker versucht“, so formuliert er es, „die unterschiedlichen Puzzleteile zusammenzusetzen, aber keinem ist es wirklich gelungen, die großen intellektuellen und kulturellen Leistungen des 18. und 19. Jahrhunderts überzeugend mit dem moralischen Absturz der NS-Zeit zusammenzuführen; es gibt kein nachvollziehbares Muster.“

Dem schottischen Kunsthistoriker ist es jedoch gelungen. Was soll ich sagen? In diesem Sinne ist das Buch ein absolutes Muss für jeden, der dieses Land und seine Geschichte verstehen will.

Deutschland_cover  Neil MacGregor: Deutschland, Erinnerungen einer Nation

C.H.Beck, München, 1. Auflage 11. September 2015, 640 Seiten mit ca. 330 farbigen Abbildungen und Karten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-406-67920-9