Was ist eigentlich Freizeit?

Die Deutschen arbeiten zwar immer noch relativ viel und liegen mit 40,3 Stunden in der Woche hinter Rumänien (41), Großbritannien (40,9), Luxemburg (40,9) und Portugal (40,3) im europäischen Vergleich auf Platz 5. Was Urlaubs- und Feiertage betrifft, bleiben die Deutschen allerdings mit 40 Tagen nach wie vor Urlaubsweltmeister. Das ist – vor allem im weltweiten Vergleich – eine Menge Freizeit, sprich freie Zeit. Da stellt sich zwangsläufig die Frage: Was ist eigentlich Freizeit?

Das Wort geht auf einen Rechtsbegriff zurück, der im 14. Jahrundert die „Marktfriedenszeit“ beschrieben hat: frey zeyt. In dieser Zeit wurde Kaufleuten und Marktbesuchern Schutz vor Gewalt und sonstigen Anfeindungen gewähleistet, was Verhaftungen und Vorladen der Behörden einschloss. Insofern war „frey zeyt“ eine zeitlich befristete Friedenszeit, die mit dem aktuellen Freizeitbegriff nicht vergleichbar ist. Die heutige Auslegung als arbeitsfreie Zeit wurde 1823 vom Pädagogen Friedrich Fröbel geprägt, der Freizeit als die Zeit definierte, die seinen Zöglingen „zur Anwendung nach ihren persönlichen und individuellen Bedürfnissen freigegeben“ war. Erst die industrielle Revolution führte in Fabriken und schließlich auch in den Büros dazu, dass Freizeit als arbeitsfreie Zeit verstanden wurde und die strikte Trennung zur Arbeitszeit manifestierte. Heute definiert der Duden Freizeit in erster Linie als „Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit.“

Der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski, der Wirtschaft und Politik berät, hat im 20. Jahrhundert vier Phasen der Freizeitentwicklung ausgemacht und beschreibt das Verständnis von Freizeit

  • bis in die 50er Jahre als die Zeit zur Erholung nach getaner Arbeit,
  • in den 60er und 70er Jahren als die Zeit zur Steigerung des Sozialprestiges,
  • in den 80er Jahren als die Zeit zur Selbstfindung und für Gemeinschaftserlebnisse und
  • in den 90er Jahren vorrangig wieder als die Zeit für Ruhe, Muße und Wellness.

Erstaunlich ist in unserer vernetzten Gesellschaft, dass sich der heutige Freizeitbegriff in Europa und vermutlich anderen vergleichbaren Gegenden der Welt nach wie vor nicht herumgesprochen hat, ja gänzlich unbekannt ist. So berichtet Opaschowski in einem Beitrag für die Wochenzeitung Die Zeit von Interviews italienischer Psychologen mit italienischen Bauern in den hochgelegenen Bergtälern der Alpen. Darin sei zum Ausdruck gekommen, dass die Bauern ihre Arbeit nicht von ihrer Freizeit unterscheiden konnten. Bei den Interviewern sei ein doppelter Eindruck entstanden: Die Bauern arbeiteten sechzehn Stunden am Tag oder sie

CIMG2192    In den Bergtälern der Alpen verschmelzen die Begriffe Arbeit und Freizeit miteinander.

arbeiteten überhaupt nicht. Sie melkten Kühe, mähten Wiesen, erzählten ihren Enkeln Geschichten, spielten Akkordeon für Freunde. Und auf die Frage, was sie denn gern tun würden, wenn sie mehr Zeit zur Verfügung hätten, sei die Antwort gekommen: Kühe melken, Wiesen mähen, Geschichten erzählen, Akkordeon spielen … „Für ihr ganzes Leben galt und gilt eigentlich nur ein Grundsatz: ‚Ich tue, was ich will.‘ Das Leben, auch das Arbeitsleben, bot und bietet ständig und gleichermaßen Herausforderungen dafür“, schreibt der Zukunfts- und Freizeitforscher.

Vielleicht kann man es auch anders sagen: Glücklich ist vor allem der, der das, was er tun muss, gerne tut. Da muss man fast zwansgläufig auch an das Schaf Selma denken, das die Hauptfigur in einem philosophischen Bilderbuch der Autorin und Zeichnerin Jutta Bauer ist. Dieses Schaf „fraß jeden Morgen bei Sonnenaufgang etwas Gras, lehrte bis mittags die Kinder sprechen, machte nachmittags etwas Sport, fraß dann wieder Gras, plauderte abends etwas mit Frau Meier, schlief nachts tief und fest. Gefragt, was es tun würde, wenn es mehr Zeit hätte, sagte es: ,Ich würde bei Sonnenaufgang etwas Gras fressen, ich würde mit den Kindern reden … mittags, dann etwas Sport machen, fressen, abends würde ich gern mit Frau Meier plaudern, nicht zu vergessen: ein guter, fester Schlaf‘. ,Und wenn Sie im Lotto gewinnen würden?‘ – ,Also, ich würde viel Gras fressen, am liebsten bei Sonnenaufgang, viel mit den Kindern sprechen, dann etwas Sport machen, am Nachmittag Gras fressen, abends würde ich gerne mit Frau Meier plaudern. Dann würde ich in einen tiefen, festen Schlaf fallen…‘“

Es geht aber auch ganz anders. „Freizeit kann für viele Menschen eine Zeit der Langeweile, der Einsamkeit aber auch des Stresses bedeuten“, schreibt Bodo Lippl in seiner Lizentiatsarbeit zum Thema „Die Bedeutung der Freizeit in der modernen Gesellschaft aus sozialethischer Perspektive“ und fährt fort: „Sie wissen nichts mit ihrer Zeit anzufangen. Das tägliche Leben hat keinen Sinn mehr.“ Thomas von Aquin spreche in diesem Zusammenhang von der tristitia, der Traurigkeit. Man könne diese Krankheit “Angina temporis” nennen. Arbeit allein reiche nicht aus, um ein sinnerfülltes und daher befriedigtes Leben führen zu können. Der Sinn eröffne sich fast von allein im gemeinsamen diskursiven Verstehen des Daseins, im Tätigwerden für sich und die anderen und in der liebenden Hinwendung zum Nächsten. Dies setze ein “selbstloses Sich-öffnen des Menschen der ganzen Wirklichkeit voraus”. Gerade die verschiedenen Möglichkeiten der Muße, die das menschliche Dasein durch die Geschichte bereichert hätten, seien als gesamtmenschheitlicher Schatz zu wahren und zu pflegen. Die Erinnerung an den Weisheitsschatz der Menschen dürfe nicht verloren gehen, sondern bedürfe der ständigen Aktualisierung. „Der Mensch von heute ist nicht nur äußerlich unterwegs, sondern er ist auch auf der Suche nach seiner ‚Innerlichkeit‘.“

So gesehen sind die erwähnten italienischen Bauern den vermeintlich ziviliserten Menschen von heute ein ganzes Stück voraus.

Ein Gedanke zu „Was ist eigentlich Freizeit?

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